Unnatürliche Horizonte

Email-Austausch mit Allen S. Weiss

Lieber Allen,
ich schreibe Ihnen mit einigen Fragen bezüglich Ihres wunderbaren Buchs „Unnatural Horizons“ im Zusammenhang mit meinem dOCUMENTA(13) Projekt.

Ich habe einen Pfad gebaut, einen informellen Trampelpfad an einem Hang in der Stadt Kassel. Der Hang befindet sich zwischen dem erhöhten Straßenniveau der Schönen Aussicht und der Karlsaue in der tiefer gelegenen Ebene. Der Pfad fungiert als Abkürzung zwischen oben und unten, aber auch als alternativer Weg zum monumentalen Ehrenmal, einem Kriegsdenkmal für die gefallenen Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkriegs, befindlich am selben Hang. Dieses Ehrenmal war vorher ein barocker Terrassengarten, der zum Prinz-Georg-Palais gehörte. Mit seiner symmetrischen Treppenanlage verbindet die Anlage ebenfalls die Schöne Aussicht mit dem Park. Als wir den Pfad anlegten, bemerkten wir, daß der Hang hauptsächlich aus Trümmerschutt des Zweiten Weltkriegs besteht. Die Arbeiten legten den Schutt frei und machten greifbar, was sich unter der dünnen Schicht Erde befand.

Ich finde die kontinuierlich einflussreiche Rolle des Militärs in Kassel, die sich auf so vielen Ebenen manifestiert, bemerkenswert.

Schon die Trümmer selbst indizieren eine militärische Schleife: Kassel wurde während des Zweiten Weltkriegs schwer bombardiert und mehr oder weniger dem Erdboden gleichgemacht, weil in der Stadt einer der größten Waffenhersteller Henschel & Sohn ansässig war und produzierte. Nach dem Krieg wurden, um die Stadt frei zu machen, unzählige Tonnen Trümmer den Auehang hinuntergeschüttet, rund um das schon existierende Ehrenmal. Nichtsdestotrotz ist Kassel heute wieder einer der Hauptstandorte für Rüstungsproduktion in Deutschland.

Aber auch das Ehrenmal in seiner ursprünglichen Form war geprägt von militärischem Wissen. Es wurde als Terrassengarten in Verbindung mit dem Palais-Prinz-Georg von dem hugenottischen Ingenieurshauptmann (Baumeister für Festungs-, Kaskaden-, und Wasserkonstruktionen) erbaut. Oberhalb des Terrassengartens baute Paul du Ry an der Schönen Aussicht außerdem das Observatorium Palais Bellevue, das jetzt das Grimm Museum beherbergt. Gleichzeitig spielen die barocken Gartenanlagen der Karlsaue bis heute eine zentrale Rolle im Layout der Stadt und auch als Ort für die Documenta und andere kulturelle Veranstaltungen. Es gibt so viele Referenzen. Um noch einige andere zu nennen: Schöne Aussicht mit dem Prinz-Georg-Palais (1703-11) und Palais Bellevue (1714) und das Hugenottenquartier gleich dahinter (1687) wurden auf den ehemaligen Festungsanlagen der Stadt nach Ende des Dreißigjährigen Krieges erbaut; Schöne Aussicht –wie der Name schon sagt– bietet einen Panoramablick, Palais Bellevue war sogar mit einem damals hochmodernen Observatorium ausgerüstet.

Wie Sie sich vorstellen können, hatte ich sofort das Bedürfnis, das Kapitel „Dematerialization and Iconoclasm“ in „Unnatural Horizons“ nochmals zu lesen. Dort zeigen Sie auf, wie die formalisierten und geometrischen Anwendungen von Techniken der Sichtbarkeit in barocken Gärten mit militärischem Planen und Entwickeln verbunden sind, geprägt von ballistischen Erwägungen und militärischer Perspektive (perspective cavalière). (UH p.50)

Wie kommt diese militärische Perspektive hier in den Gärten Kassels zum Ausdruck? Mich würde interessieren, wie Sie das Layout der Karlsaue und Paul du Ry's Terrassengarten lesen, in Bezug auf die Thesen, die Sie in „Unnatural Horizons“ aufstellen. Ich wäre auch neugierig zu wissen, wie Sie die speziellen visuellen Modi wahrnehmen, die hier etabliert werden und deren möglicher Grund oder Zweck. Die Kartesischen Symmetrien des Terrassengartens verbinden sich mit dem barocken Grundriss der Karlsaue, mit seinen Alleen, die Blickachsen, Fluchtpunkte und Blickpunkte etablieren und synthetisieren die Bewegung eines Projektils im Besucher, der den Park durchquert. War dies einfach nur die neueste Mode, die Paul du Ry aus Paris mitgebracht hatte, als er in Kassels Fürstentum Zuflucht suchte? Oder führte Landgraf Karl wissentlich eine Kultur der Geometrisierung und der Beobachtungstechniken in die ehedem befestigte Stadt Kassel aus Kriegszeiten. War es Karl oder eben auch Paul bewusst, daß Gärten ein Ausdruck des Wissens und der Macht waren und sind?

Ich habe eine Bild aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gefunden - es zeigt General Tilly auf der sogenannten Tilly-Schanze, ins Tal auf eine belagerte Stadt (Hann Münden 1626) nahe Kassel blickend. Sein Blick verläuft parallel zur Schußrichtung der Kanone. Sehen Sie die Gärten in Kassel –erbaut zwischen den zwei großen Kriegen, dem Dreißigjährigen und dem Siebenjährigen Krieg– symbolisch oder anderweitig diesen Eroberungsblick, den Blick der Macht aufnehmen?

Wie sehen Sie die zentrale Rolle des Gartens in Kassels kulturellem und aber auch repräsentativen Leben? Eine Rolle, die scheinbar seit seinen Anfängen im 18. Jahrhundert, während der ersten Bundesgartenschau und Documenta 1955 bis heute besteht, wie auch die kontinuierlichen Bezüge zu Kriegsthemen.

Falls diese visuellen Konzepte bestehen, entzieht sich meiner Ansicht nach unser Pfad dieser Sichtbarkeit, denn er ist schwer zu überblicken. Er erlaubt keine großartigen Ausblicke oder Überblicke außer dem ein oder anderen Blick in das Ehrenmal nebenan und Detailansichten von Trümmern und Pflanzen.

Ich würde mich sehr über Reaktionen oder ein Feedback freuen.

Herzliche Grüße,
Natascha

Liebe Natascha,
ich befürchte, daß mein Brief Sie enttäuschen wird, aber ich bin sicher, daß Sie Verständnis haben werden. Ich lese Ihren Brief mit großem Interesse und es handelt sich um genau die Art Projekt, über die ich gerne schreiben würde. Das Problem ist, daß, was ich bisher einsehen konnte, nicht einmal 'Papier Gärten' darstellt, es handelt sich lediglich um Computerbilder. Wie Sie wissen, basiert alle meine Arbeit über Landschaft –vor allem „Mirrors of Infinity“ und „Unnatural Horizons“, und zu einem gewissen Teil „The Wind and the Source“– auf der gelebten Erfahrung von Gärten und Landschaft und stellt vielleicht den brauchbarsten Teil meiner Studien in phenomenologischer Ästhetik dar. Wenn ich nach Deutschland kommen könnte und mit Ihnen die Orte begehen könnte und wir sprächen über die Motivationen für und Strukturen des Projekts, vor Ort betrachtend, nachdenkend, etc. etc., wäre es mir eine Freude gewesen. Aber, leider ist das ja nicht möglich. In manchen Fällen, wenn ich einen Ort genau kenne, entweder durch regelmäßige Besuche oder wenn ich schon über sie geschrieben habe –so wie Vaux-le-Vicomte, Versailles, Mont Ventoux, und bestimmte Zengärten Kyoto's wie Ryōan-ji und Daisen-in– kann ich ohne einen Besuch vor Ort schreiben. Aber das ist hier nicht der Fall. Von einem Bild ausgehend zu schreiben, würde Verrat an meiner Epistemologie bedeuten und daß ich in genau die Falle tappe, die ich schon so oft bei anderen Landschaftshistorikern kritisiert habe, nämlich den Garten auf ein Bild zu reduzieren, den Spaziergang auf eine Perspektive und das Synaesthetische auf das Visuelle. Es tut mir sehr leid diese Möglichkeit der Zusammenarbeit zu missen und hoffe, daß die Zukunft konkretere Begegnungsmöglichkeiten bereithält. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit diesem Projekt.

Mit allerherzlichsten Grüßen,
Allen

Lieber Allen,
Danke für Ihre verständnisvolle Antwort. Ich verstehe Ihre Bedenken vollkommen. Sie bestätigen nur die besondere Art der Gedanken, die durch Ihr Buch sprechen. Tatsächlich stimmt dies auch überein mit der Art, wie die ganzen Fragen, die in den Faltungen des Auehangs saßen, zu mir gekommen sind, durch schauen, nachdenken, Zeit verbringen vor Ort mit Freunden und allein. Deshalb finde ich, Ihre Antwort könnte man auch als Einladung an die Besucher lesen, dies auch zu tun, durch die Orte zu laufen und sich mit ihnen zu beschäftigen.

Der Grund, warum ich Ihnen schrieb, ist auch und vor allem, daß ich einen Ort herstellen wollte, für die Verbundenheit dieses Projekt zu Ihrem Buch, das mir half, den Code, der sich in diese Landschaft einschreibt, teilweise zu entziffern. Eigentlich wollte ich einfach eine Art Bestätigung von Ihnen, daß ich nicht komplett auf dem falschen Dampfer bin und die Zeichen falsch lese.

Dieser Blick, diese Art, die Landschaft anzusehen, die ich versucht habe, in meinen Fragen an Sie darzulegen, wäre nicht möglich gewesen ohne Ihre Recherche. Ich wollte dies mit den Besuchern teilen. Der Auepark wird diesen Sommer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, denn er ist einer der Hauptveranstaltungsorte der dOCUMENTA (13). Ich denke „Unnatural Horizons“ ist ein wertvoller Begleiter für diesen Ort und für seine Besucher.

Mit besten Wünschen,
Natascha