Tiermetapher, Tier-Werden und zeitgenössische Formen der Magie

Email-Austausch mit Anselm Franke

Lieber Anselm,
bezüglich des Pfades ist etwas aufgetaucht, zu dem ich Dich um ein kurzes Feedback bitten möchte.

Wir sind durch den Trümmerschutt der Henschel-Villa auf die Rüstungsproduktion in Kassel aufmerksam geworden. Ein bemerkenswerter Punkt dieser Produktion, der bis heute beibehalten wird, ist die Namensgebung. Seit der Herstellung des 'Tiger' Panzers, den Henschel 1937 entwickelte und ab 1942 bis Ende des 2. Weltkriegs in Kassel fertigte, werden Waffensysteme deutscher Herstellung mit Tiernamen bedacht: Leopard, Marder, Wiesel, Puma, Gepard, Luchs, Biber, Büffel, Dachs, Dingo.

Wir haben nirgendwo eine Begründung für diese Tradition finden können. Selbst auf einschlägigen Waffenforen wird gerätselt und frei assoziiert, welche Motivation dahinter steht.

Benjamin spricht von der Magie der Sprache, von dem mimetischen Akt, aus dem Namen in Bezug auf die Objekte, die sie benennen, ihre Kraft oder Macht schöpfen. Welche Art der Mimesis passiert in diesem 'Tier-Werden' eines Kettenfahrzeugs? Glaubt ein hochtechnologisiertes Militär an Magie? In welcher Form? Sollen sich die Eigenschaften des Tiers auf das Fahrzeug übertragen? Die Geschmeidigkeit einer Raubkatze, der Jagdtrieb, die Furchtlosigkeit, das Unzähmbare? Oder geht es um Assoziationen beim Gegner (Das Deutsche Militär beteiligt sich ja wieder an Kriegshandlungen), also um psychologische Strategien der Kriegsführung? Und was passiert eigentlich mit den Soldaten, die im Tiger drinnen sitzen?

Welche anderen Vorgänge des 'Tier-Werdens' könnten hier relevant sein? Wer oder was wird animiert? Der Vorgang scheint mir in eigentümlichem Verhältnis zur 'Vermenschlichung' von Tieren oder auch Geräten, aber auch zur 'Entmenschlichung', dem 'Tier-Werden' z.B. dessen, der keine Rechte hat, zu stehen oder der außerhalb der zivilisierten Gesellschaft gestellt wird.

In Kabul fuhren drei Dingo 2 Patrouille an uns vorbei. Das sind Aufklärungsfahrzeuge von KMW aus Kassel und in ihnen saßen deutsche Soldaten. Ein Dingo ist ein ehemaliger Haushund, der vor Jahrtausenden verwilderte. Der Dingo nutzt zur Verständigung meist Heul- und Fieptöne und nicht so häufig das Bellen. Ich überlege auch, welche Sprache ein Dingo von KMW spricht.

Und spricht der Panzer durch den Puma oder der Puma durch den Panzer, wenn er durch Afghanistan rollt?

Wie passen alle diese Tiere in das Bild einer Bundeswehr, die ihre Einsätze kühl und emotionslos mit humanitären Gründen oder wirtschaftlichen Interessen Deutschlands, Europas oder der Bündnispartner begründet? Ich finde die scheinbar gut kontrollierte Kanalisierung von Rationalisiertem und 'Animalisiertem' in einem System, das auf Clausewitz's Grammatik des Krieges gebaut ist und vor allem die Bilder, die dabei entstehen, verwirrend. Ich frage mich, ob das intendiert ist. Denn nach Außen wird ja unter anderem auch ein Bild exportiert, wenn deutsche Panzerfahrzeuge durch Kabul fahren. Und bei dem nicht unerheblichen Export von deutschen Waffen in alle Welt: Was wird exportiert wenn ein Puma oder ein Leopard nach Saudi Arabien geht?

Soweit erstmal. ich würde mich sehr freuen über ein Feedback, auch nur auf Teilaspekte.

Liebe Natascha,
das Tier ist selbst ja auch schon das Produkt eines Exports. Das Tier wird bekanntermaßen vom Menschen abgesondert, steht seinem Status als Objekt nach weitgehend außerhalb des Gesellschaftsvertrages und des Sozialisierungszirkels, obwohl es durch bestimmte Rechte, die das körperliche Empfindungsvermögen angehen, an diesem teilhat - auch in der Massentierhaltung ist ja bekanntermaßen das «Quälen» untersagt, wobei die Definition von Qual natürlich einer perversen ökonomischen Rationalisierung unterworfen ist, denn sie bezeichnet nur denjenigen Schmerz, der ein «Zuviel» wäre, einen Exzess in Bezug auf das «Notwendige», das «Rationale» darstellt. 

Insofern das Tier dadurch sozialer Bedeutungsträger mit einem Subjekt-Anteil ist und kein «reines» Objekt, steht es fortan, seit der Etablierung der Trennung, für das Emotionale, den Affekt, den Instinkt usw. schlechthin. Insofern dem Tier die Sprache abgesprochen wird, werden Emotion, Affekt, Instinkt usw. fortan als vor-bewußt verstanden. 

Die Tiernamen der deutschen Panzer etc. erinnern mich, wie in einer Umkehrung, an den berühmten Karikaturisten J.J. Grandville, der die Tiermetapher in der Karikatur wie kein anderer entwickelte. Es wird in verschiedenen Theorien ja auch angenommen, dass die Tiermetapher -etwa an den Höhlenwänden- der Ursprung der Sprache sei. Aber muß man diese Geschichte nicht revidieren? Wie kommt es denn, dass das Bild des Tieres so ungeheuer aussagekräftig ist? Was von der Gesellschaft wird hier eigentlich ausgesagt, aus-gestellt, über den Umweg des Tieres? Es scheint sich um etwas zu handeln, das sich mit «Sprache» nicht ausdrücken lässt, obwohl es so offensichtlich ist, wie dasjenige, was sich in einer Grandville-Zeichnung zeigt: die Ebene der affektiv-medialen Verfasstheit der Gesellschaft, auf der sie ihre Machtverhältnisse und Hierarchien «naturalisiert», normalisiert und verinnerlicht, eine Ebene, die man vielleicht «das Implizite», oder mit Michael Taussig das «Public Secret» nennen könnte, oder eben auch die «Natur» der Gesellschaft, wenn damit nur der Naturbegriff nicht so unheilvoll verwendet würde, weil alles Nicht-Menschliche, wie schon seit Hobbes, identifiziert wird mit dem «schlechtesten» der Gesellschaft, demjenigen, was sie als Negativfolie und Müllhalde erst produziert. 

"Cabinet d'histoire naturelle" (cabinet of natural history), 1833
"Cabinet d'histoire naturelle" (cabinet of natural history), 1833 (Illustration: J. J. Grandville. Source: Public Domain)

 

Man kann die Formel natürlich auch umdrehen und sagen: Wir verdanken dem Tier «die Sprache», und wahrscheinlich kommt man mit dieser ambivalenten Formel weiter. Denn dann verdanken wir dem Tier auch «den Menschen», der seit dieser Abgrenzung, die dem Tier die Sprache «abspricht», in ständiger äußerer und innerer Abtrennung vom Tier produziert wird. Das ist eine abgeschnittene Sprache und ein abgeschnittener Mensch und der Schnitt selbst ist der Lokus der Macht. Aber dieser Export kehrt natürlich wieder, und zwar in der «Natur» der Gesellschaft - und das ist fortan deren emotional-medial-affektive Verfasstheit, und im Kapitalismus die Ökonomie - der einzige Ort, an dem die Moderne sich noch erlaubte, ernsthaft von «Animal Spirits» zu sprechen. 

Welcher Anteil der berüchtigten Exportmacht Deutschlands entfällt auf die Rüstungsindustrie? Ich habe die Zahlen nicht zur Hand, erinnere aber, jüngst noch eine Statistik gelesen zu haben, die einen schockierend hohen Prozentsatz nennt. Aber es ist merkwürdig still geworden um die Rüstungsexporte der BRD, wahrscheinlich auch deswegen, weil Industrie und Politik gelernt haben, einen Großteil dieser Exporte auf verschiedenste Art zu maskieren, indem etwa nur die notwendige Technik exportiert wird, nicht das fertige Produkt. Das ist ja auch schon so ein quasi-animalischer Vorgang, die Camouflage, oder das unter-einem-Bild-segeln, unterhalb der Identifizierungsschwelle. Und die Exportzahlen der Nation folgen einer eigenen Logik, sind sauber rationalisiert und verbinden sich so mit anderen Affekten, den ökonomischen Kurven, der geopolitischen Tektonik, des dislozierten Patriotismus (wir sind stolz auf unsere Wirtschaft), die nichts zu tun haben mit dem, was hier eigentlich exportiert wird und innerhalb welcher «Kreisläufe» der Ökonomie. 

Die großen Exportregimes europäischer Zivilisationen der letzten Jahrhunderte stecken aber doch auch in einer schwer zu übersehenden Krise. Dieses «Exportregime» besteht im wesentlichen in dem Mechanismus, Unterscheidungen und Ausschlüsse im Innenraum der eigenen Kultur in ein Außen zu projizieren. Der Wahnsinn etwa, der ein Objekt der Medikalisierung in der Psychiatrie wird, ist dafür ein Beispiel. Das Exportregime zieht imaginäre Grenzen, die ein Außen von einem Innen, ein Negatives von einem Positiven (oder auch umgekehrt) abtrennen, die Trennung wird anschließend maskiert und naturalisiert (objektiviert, wie ein Krankheitsbild), das ausgeschlossene Andere wird so zu einer Art Müllhalde für den eigenen Mist (etwa die systemimmanente Gewalt), und anschließend als Figur des Außen oder Anderen angeeignet zum Zwecke realer Ausbeutung, der Identitätskonstruktion und Selbst-Mythologisierung. Die Figur des Barbaren oder Primitiven ist ein weiteres Beispiel einer solchen Mehrfachfigur von Ausschluss, realer Unterwerfung und imaginärer Aneignung. Der Begriff der «Natur» funktionierte für einen gewissen Zeitraum genauso: Ein projiziertes Außen, Produkt einer Grenze, deren Produktion maskiert wird. Das Exportregime in Bezug auf die Natur gerät in die Krise, wenn dasjenige, das exportiert wird, zurückkehrt, wenn etwa die Hippies die «wilde» Natur suchen und nur Müll vorfinden, wenn Leonardo di Cabrio in «The Beach» das Außen der Natur auf einer Insel sucht und den Krieg als Naturzustand vorfindet, oder wenn das CO2 aus der paradigmatischen Export-Architektur, die ein Fabrikschornstein darstellt, im Treibhauseffekt zurückkehrt. 

Die Frage bei den deutschen Panzern ist also, in welcher Form und zu welchem Zeitpunkt der Export zurückkehrt. Daß er zurückkommt, steht für mich außer Frage, und vielleicht ist diese Form der Tier-Magie, die Rückkehr dessen, was als Nicht-Bewußtsein aus diesem ausgeschlossen wird, die zeitgenössische Form der Magie. Und er tut es auch jetzt schon, zu jedem Zeitpunkt, wenn wir in Betracht ziehen, das wir noch immer unsere unmittelbare «Identität» aus der Summe unserer Exporte und ihrer erfolgreichen Maskierung beziehen. 

Lieber Anselm,
es ist interessant, daß du sagst, es stehe außer Frage, daß der exportierte Tier/Maschine-Komplex auf irgendeine Weise zurückkehrt. Das bestätigt die Kontinuitäten und Kreisläufe, die ich in den Untersuchungen des Pfades ständig beobachte. Im Trümmerschutt des Auehangs ist dieses Zurückkehren auch enthalten. Die Rüstungsindustrie in Kassel beliefert die Kriegsmaschine Hitlers, die Alliierten-Bomber verwandeln die Stadt in einen Trümmerhaufen, die Trümmerhaufen werden weggeräumt, um Kassel wieder in einen führenden Rüstungsstandort zu verwandeln und auf den Trümmern werden Rosen gepflanzt. Es liegt nahe, sich den Schutt der Zukunft wieder oben drauf zu imaginieren. Auch hier gibt es einen merkwürdigen Maskierungs- oder Camouflageeffekt: Die Trümmer verschwinden unter Blumen.
Aber es soll ja eigentlich auch nichts von alledem zurückkehren oder sich wiederholen, vor allen Dingen das 'Tier-Werden' einer ganzen Nation nicht. Und so wird erklärt: die Magie des legendären Tigerpanzers überträgt sich auf den Leopard oder Puma nur und ausschliesslich in Form von Arbeitsplatzzahlen und Bruttosozialprodukt. Ob die Tiere da mitmachen...?