Die Grammatik der Trümmer

Brief an Thomas Keenan

Lieber Tom,
seit wir das letzte Mal sprachen, hat sich der Pfad in vielerlei Hinsicht entfaltet und die Recherchen rund um die Trümmer und die Fragen, die sich daraus ergaben, sind greifbarer geworden.

Deinem Rat folgend, haben wir versucht spezifisch zu bleiben in unseren Fragen und Krieg, Zerstörung und die Nachwirkungen - das Aufräumen, das Saubermachen, das Begraben, nicht so sehr im Allgemeinen, sondern mehr auf der Basis einer konkreten Situation zu betrachten.

Wenn Du dich erinnerst, wir hatten über die unausweichliche Logik des Krieges und seine möglichen Alternativen gesprochen. Wie Krieg Chaos anrichtet, daß aufgeräumt werden muss und daß dieser Prozess des Aufräumens heilend sein kann, aber eben auch, daß er in großen Teilen an die NGOs delegiert wurde, fast wie ein Anhang des Krisenmanagements der Kriegsmaschine selbst. Du hast zwischen zwei unvereinbaren Vokabularen unterschieden, die Aktivitäten der humanitären Geste zu beschreiben. Eines macht den Krieg handhabbarer oder sogar plausibler und das andere „ergreift Partei für die Lebenden“ und schafft Bedingungen zum Leben, also macht es den Leuten möglich, ihr Leben zu leben, indem sie so behandelt werden, als wären sie Leute, die ein Leben zu führen haben oder es hätten, wenn sie denn könnten.

Unsere Diskussion ging dann um die Logik des Krieges und seine Alternativen, wenn man sie als Sprache betrachtet, in der Worte, Gesten, Handlungen und Dinge ausgetauscht oder auferlegt werden. Du hast Clausewitz zitiert, der in „Vom Kriege“ die These aufstellt, daß die Sprachen der Politik, der Diplomatie und des Krieges ein und dieselbe sind und nur die Grammatik wechselt. Clausewitzs Argument ist, daß Staaten permanent rivalisieren, und ihr Wettbewerb um Macht und regionale Vorherrschaft wird generell mit politischen und diplomatischen Mitteln ausgeführt. Von Zeit zu Zeit wird das unmöglich oder untragbar und die Grammatik wird gewechselt, aber es ist die Fortsetzung des gleichen Dialogs mit anderen Mitteln. Mittel und Grammatik sind das gleiche. Und wenn das Argument gemacht wurde oder erfolgreich der anderen Partei angetragen wurde, wird die Grammatik des Krieges nicht mehr benötigt und man kann zum Schreiben und Reden und Verhandeln und so weiter zurückkehren.

Du hast darauf hingewiesen, daß sehr oft verschiedene Grammatiken zeitgleich benutzt werden und daß ihre Ränder unklar sind –diplomatischer Druck, Sanktionen, Austausch von Nachrichten, Attentate, Computerviren– wann beginnt eigentlich ein Krieg? Normalerweise werden Friedensverhandlungen geführt, während noch gekämpft wird, wie in zwei Arten von Unterhaltung, die gleichzeitig passieren, aber unterschiedliche Grammatiken benutzen.
Du sagtest, daß dies zu Verwirrung führen kann darüber, wann ein Krieg anfängt oder aufhört und was die Alternativen sein könnten. Du schlugst vor, daß man größere Chancen auf Antworten hätte, wenn man sich bestimmte Kriege, konkrete Situationen in einem Krieg ansähe.

Bei meiner Rückkehr zu den Trümmern unseres Pfades in Kassel versuchte ich, so spezifisch wie möglich zu sein und mit dem zu arbeiten, was den Pfad besiedelt, die Ziegelsteine, die Pflanzen, die Tiere, die von den Transformationen des Ortes erzählen, von den Geschichten der involvierten Menschen, den Bewegungen von Dingen, Pflanzen, Leuten, Zerstörung, Tod, Wiederaufbau, Rosen, und Kunstaustellungen.
Wir verfolgten den Trümmerschutt und er führte uns zu den Waffenfabrikanten, die der Grund für die verheerenden Luftangriffe der Alliierten auf Kassel waren. Die Tradition der Waffenherstellung geht zurück ins 18. Jahrhundert. Während des Zweiten Weltkriegs war die Produktion auf seine maximale Kapazität hochgefahren, die 30 000 Arbeiter beschäftigte, von denen 20 000 Zwangsarbeiter waren. Nicht nur Waffen selbst wurden produziert, sondern auch zivile Produkte wie Eisenbahnen und Lastwagen wurden Teil des militärischen Inventars. Alles scheint die Grammatik zu wechseln im Kriegsfall, auch Dinge.

Aber zu welcher Grammatik gehört Trümmerschutt?

Nach dem Krieg lag die Stadt in Trümmern. Jahrelang blieben die Schuttberge überall liegen, der Schutt, der voher Teil von Häusern, Garagen, Läden und Werkstätten von Leuten war, aber auch Teil der großen Fertigungsanlagen von Henschel, Fiesler und Wegmann. 85% der Stadt war zerstört. Es war so viel Schutt, daß sie nicht wußten, wohin damit.

Dann in den 50er Jahren, zu Beginn des Wirtschaftswunders und in Vorbereitung für die Bundesgartenschau wurde der Schutt schliesslich weggeräumt und den Auehang hinuntergeschüttet. Er wurde mit einer dünnen Schicht Erde bedeckt und mit allem, was schnell auf Trümmern wächst - Pionierpflanzen und Blumen und mehr Blumen.

Ich frage mich, ob man nicht, wenn man sich auf Clausewitz's Konzeption von Krieg bezieht, stillschweigend die Sprache der Hegemonie mit seinen expansionistischen, herrschenden und subordinierenden Strategien akzeptiert. Versuche, die Grammatik zu ändern in dieser Sprache (zum Bespiel von militärischer Aggression zu Diplomatie) und dabei nicht die Sprache an sich in Frage zu stellen, lässt mich wieder über die Trümmer grübeln. Ein Ort produziert Waffen, wird bombardiert und zerstört, pflanzt Rosen auf den Trümmern und fährt fort, Waffen zu produzieren. Hat das nicht Ähnlichkeit mit dem Wechsel der Grammatik, die Clausewitz vorschlägt -Drohung, Krieg, Diplomatie, Drohung- ohne jemals die Sprache zu hinterfragen?

In „Translation, or can Things Get Any Worse?“ beschreibst du Übersetzung, eine „radikale Übersetzung als eine aktive Beziehung zwischen und innerhalb einer Sprache, nicht der Versuch, Sprache insgesamt zu überwinden - ist das Ereignis, für das die Bezeichung Politik reserviert ist.“ Clausewitz scheint zu sagen, daß Politik ausschließlich innerhalb einer Sprache übersetzt, aber bedingt eine radikale Übersetzung nicht notwendigerweise das Anerkennen anderer Sprachen? Die Sprache der (universellen) Rechte kommt mir als Beispiel in den Sinn.

Beste Grüße,
Natascha

PS: Pola fand dieses Bild, die „Allegorie der Grammatik“, 1659, nach Antoine Furetière's „Nouvelle Allegorique, Ou Histoire Des Derniers Troubles Arrivez Au Royaume D'Eloquence“. Furetière war ein französischer Gelehrter, der an einem universellen Wörterbuch der französischen Sprache arbeitete. Am meisten fiel mir in dieser Allegorie auf, wie implizit die Verstrickung von Sprache und militärischer Strategie ist. Ich fühle mich an Allen S. Weiss' Recherche über die Kulturalisierung von militärischer Planung in barocke Gartenarchitektur erinnert.
Wie viele von diesen Gärten, wurde auch der Terrassengarten am Auehang von einem Mann des Militärs gebaut. Sein Name war Paul du Ry. Der Begriff „Bellevue / Schöne Aussicht“ impliziert nicht nur einen netten Blick über eine Landschaft, sondern bezieht sich auch auf den Ausblick, der es erlaubt, militärisch zu planen.

(Walter Benjamin sagt, daß Allegorien im Bereich der Sprache das sind, was Ruinen in Reich der Dinge darstellen)