Arbeitslager zu Werksheimen

Ayse Güleç ist in verschiedenen Projekten der migrantischen Selbstorganisation engagiert. Sie leitet den Bildungsbereich des Schlachthofs, einer selbstverwalteten Initative in Kassel, die in den 70er Jahren aus einem Besetzerprojekt enstand. Ayse hilft uns, die Onomatopoeia in den unterschiedlichen Sprachen Kassels aufzunehmen. Beim Tee kreisen unsere Gespräche immer wieder um die verschiedenen Kapitel der Migrationgeschichte in Kassel.

Ayse Güleç im Gespräch mit Natascha Sadr Haghighian - Hugenotten

Hugenotten und Integration

Natascha Sadr Haghighian: In Kassel hat sich Migration schon sein langer Zeit in den verschiedensten Formen in die Geschichte der Stadt und in die Gesellschaft, sogar in die Stadtlandschaft eingeschrieben. Als wir den Pfad am Auehang anlegten, sind wir über ein frühes Kapitel der Kassler Migrationsgeschichte gestolpert - und zwar ist der Terrassengarten, der im 20. Jahrhundert zum Ehrenmal geworden ist, im 18. Jahrhundert von Paul du Ry, einem hugenottischen Militär und Ingenieur konstruiert worden, der von Frankreich nach Kassel geflohen war. Ich fand es beeindruckend, daß Landgraf Karl den Hugenotten damals im großen Stil Asyl gewährt hat und Paul du Ry sogar damit beauftragte, für die Neubürger einen ganzen Stadtteil zu bauen, eben die Oberneustadt, das Hugenottenquartier oberhalb der Schönen Aussicht. Den Hugenotten wurde in Kassel Religionsfreiheit zugesichtert, der Gebrauch der eigenen Sprache und sogar wirtschaftliche Unterstützung. Wie kommt es, daß sie in dieser Art mit offenem Herzen aufgenommen wurden?
Ayse Güleç: Das lag sicher auch daran. daß während und nach dem dreissigjährigen Krieg viele Fürstentümer ausgeblutet waren. Es fehlten erwerbsfähige Männer, denn viele waren im Krieg gestorben und das Land war finanziell ausgeblutet. In dem Sinne waren die Hugenotten, die ja aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit vertrieben worden sind, hier willkommen. Man brauchte die Berufe, die Kompetenzen und das Handwerk dieser Leute. Es gab also so etwas wie einen Bedarf und eine Zweckmäßigkeit, vielleicht tatsächlich auch eine Verwertungsideologie. Und das ist ja etwas, das wir auch heute in der Migrationsgeschichte immer noch sehen können. Aktuell gibt es in Deutschland einen Mangel an gut ausgebildeten Facharbeitern und dementsprechend ist ein neues Gesetz geschaffen worden, daß zugewanderte Menschen aus Drittstaaten hier ihre Ausbildung anerkannt bekommen können. Das war ja nicht immer so möglich. Die Geschichte der Hugenotten und Landgraf Karls ist immer noch ein ganz wichtiger Referenzbogen, wenn über Kassel und die aktuelle Situation als Migrationsgesellschaft und als Ort des gleichberechtigten Miteinanders, daß hier aus hundertfünfzig verschiedenen Staaten Menschen leben, gesprochen wird. Damit will man deutlich machen, daß es eine Tradition in der Offenheit anderen Menschen gegenüber, ungeachtet ihrer kutlurellen und religiösen Herkunft gibt. Dennoch gibt es Unterschiede, du hast ja erwähnt, sie durften ihre Religion ausüben und ihre eigene Sprache sprechen. In den 70er, 80er und 90er Jahren hieß es, die Kinder von migrantischen Bevölkerungsgruppen sollen ihre Muttersprache nicht verlieren. Inzwischen gibt es die Doktrin: Wer hier lebt, muss Deutsch sprechen. Da hat sich grundlegend etwas verändert. Es gibt auch Verfechter der Bilingualität, aber bei vielen Migranten kommt inzwischen an, daß, um hier zu leben, zu arbeiten und zu bestehen, die deutsche Sprache ganz, ganz wichtig ist.
Und daß Integration eigentlich eine Entscheidung für die andere Identität ist. Heterogene Identität darf nicht beibehalten werden, sondern du musst deutsch werden, um hier akzeptiert zu werden. Das scheint mir der Unterton im aktuellen Integrationskonzept.
Genau, und das wird verkürzt auf die Sprachfähigkeit und nicht zum Beispiel darauf, ob man die gleichen Rechte hat oder nicht.
Ayse Güleç im Gespräch mit Natascha Sadr Haghighian - Zwangsarbeiter

Zwangsarbeiter und Gastarbeiter

Im 19. Jahrhundert ist die Einwohnerzahl in Kassel um das doppelte angestiegen. Das hatte mit der Instrustrialisierung und schon damals mit der Steigerung der Produktion zu tun. Aber eines der großen Kapitel, das diesen Zusammenhang aufzeigt, ist die Produktion während des Zweiten Weltkriegs und die Zwangsarbeit. Bei Henschel waren in der Rüstungsproduktion 10.000 Kasselaner beschäftigt, aber der Produktionsbedarf der Kriegsmaschinerie war dadurch nicht abzudecken. Es wurden also 20.000 zusätzliche Arbeitskräfte dazugeholt. Es gab drei unterschiedliche Kategorien von Arbeitskräften, die Zwangsarbeiter, die Fremdarbeiter und auch schon die ersten Gastarbeiter, die eher aus befreundeten Ländern wie zum Beispiel Italien kamen. Bei diesen Arbeitern handelte es sich ja nicht wie bei den Hugenotten um Fachkräfte, sondern es ging um umgelernte Arbeit und um Menschen, die eigentlich ganz andere Berufe ausgeübt hatten und nach Deutschland verschleppt wurden, um in den Industrien von Henschel und Wegmann Panzer zu fertigen. Kannst du etwas darüber sagen, wie diese Leute untergebracht wurden und was deren Situation war in Kassel.
Diese Firmen hatten barackenähnliche Räume über die Stadt verteilt, merkwürdigerweise Arbeitslager genannt, in denen die Fremdarbeiter und Zwangsarbeiter untergebracht waren. Es ist erschreckend, daß diese Lager in einer geschichtlichen Abfolge und Kontinuität für verschiedene Gruppierungen genutzt worden sind, auch für die ersten angeworbenen Gastarbeiter nach dem Krieg. Und das beeindruckende ist, daß die Zeitabstände gar nicht so groß sind. Zehn Jahre nach den Zwangsarbeitern waren schon die ersten angeworbenen Gastarbeiter in diesen Lagern untergracht, die auch wieder in den Fabriken von Henschel und Wegmann gearbeitet haben. Und diese Kontinuität ist ganz, ganz erschreckend. In einer Dokumentation über die ersten Gastarbeitergenerationen in Deutschland habe ich ein Bild gesehen, ich bin richtig über dieses Bild gestolpert und ich sehe es genau vor mir: Man sieht zwanzigjährige junge italienische, türkische, tunesische Männer, frisch angekommen Anfang der 60er Jahre, die sich vor so einem Werksheim –das mal ein Arbeitslager war– fotografieren ließen und man sieht sogar noch das Schild auf dem 'Arbeitslager' steht.
Es war ja tatsächlich auch schon 1955, daß die ersten sogenannten Gastarbeiterverträge abgeschlossen wurden. Italien war das erste Land, dann folgten Griechenland, Türkei, Jugoslawien, Tunesien. Und es ist zeitlich vielleicht auch interessant, daß zu der Zeit, als 1955 der erste Gastarbeitervertrag geschlossen wurde, in Kassel die erste Documenta und auch die Bundesgartenschau stattfanden und das Wirtschaftwunder gerade richtig begann.
Gibt es Hinweise auf eine Diskussion über die fast nahtlose Kontinuität zwischen Zwangsarbeiterzeit und Gastarbeiterzeit in Kassel? Ist das aufgefallen?
Ich glaube nicht. In der Migrationsforschung ist es schon aufgefallen, aber ich vermute, daß es den damaligen Beteiligten nicht aufgefallen ist.
Es ist auch interessant, sich die Dimensionen vorzustellen. Die Zwangsarbeiter sind vom Arbeitslager Möncheberg jeden Tag in Gruppen von 2.000 Leuten halbverhungert, in zerissenen Klamotten und unter Bewachung morgens zu den Werksanlagen marschiert und abends zurück. Das muss man sich in einer kleinen Stadt wie Kassel mal vorstellen, und Möncheberg war ja nur eines von vielen Lagern, die über die ganze Stadt verteilt waren. Und die Zwangsarbeiter arbeiteten nicht nur in der Rüstungsindustrie.
Es gab ja auch Zulieferbetriebe, die an die Produktion angedockt waren.
Bis hin zu Bäckereien und Gutshöfen, die vielleicht nur einen oder zwei Fremdarbeiter hatten, aber dennoch, die ganze Stadt hat darauf zurückgegriffen. Es ist ja auch attraktiv, daß man eine zusätzliche billige Arbeitskraft hat, die man sich vielleicht sonst gar nicht leisten könnte.
Es ist wirklich eine interessante Frage, ob es den Leuten aufgefallen ist oder nicht. Also vor allen Dingen denen, die zehn Jahre später in diesen Lagern der Zwangsarbeiter als Gastarbeiter untergebracht waren. ich frage mich, ob sie etwas geahnt haben, ob es ihnen nicht komisch vorkam, ob vielleicht die anfängliche Euphorie verhindert hat, die Zusammenhänge zu sehen. Die ersten Gastarbeiter und -arbeiterinnen waren ja so etwas wie Pioniere, die nicht wussten, worauf sie sich da einlassen und vollen Mutes irgendwo hin gegangen sind und sie wussten gar nicht, wo sie da hinkommen. Das heißt, es handelte sich um neugierige, mutige, zuversichtliche Menschen. Mit Sicherheit kam es manchen merkwürdig vor, daß sie in solch großen Lagern untergebracht wurden und fragten sich, was da vielleicht vorher drin war, aber ich denke die Euphorie darüber, daß jetzt etwas Neues anfängt, eine Euphorie, die ja die Umgebung auch geteilt hat, überwog.
Aufbruchstimmung.
Aufbruchstimmung und das Negieren dessen, was vorher war. Da spricht man nicht drüber. Deshalb glaube ich, daß eher die Bilder aus dieser Zeit dokumentieren, was vorher passierte und welche Kontinuität es gibt.
Aber es ist interessant, daß es sehr viel Bildmaterial von den Zerstörungen durch die Bombardierungen in Kassel gibt, wirklich bis ins Detail, aber es gibt sehr wenig Fotografien von den Lagern. Es war verboten die Zwangsarbeiter zu fotografieren oder mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Die Propaganda stellte die Gefangenen als wilde Frauenvergewaltiger dar, vor denen man sich in Acht nehmen muss. Das wurde damit erklärt, daß diese Männer alle schon lange keine Frau mehr hatten, da es ja im Lager keine gab.
Das war bei den Gastarbeitern das gleiche.
Ja, das Bild des wilden, seinen Sexualtrieb nicht im Griff habenden Fremden hat sich weitergetragen. Mir fällt immer wieder auf, dass die zeitliche Analogie zum Schutt interessant ist. Kassel war noch bis in die frühen 50er Jahre in Schutt eingedeckt, da die Aufräumarbeiten ja so lange dauerten. Und dann in Vorbereitung zur Bundesgartenschau wurden die Trümmer den Auehang hinuntergeschüttet, mit Erde bedeckt und dann Blumen – ein Blumenmeer. Das ist ja psychologisch das Signal, die Vergangenheit ruhen zu lassen und neu anzufangen.
Gastarbeiterlager, 1974
Gastarbeiterlager, 1974 Aufschrift auf der Tür in serbokroatischer Sprache: Für Besucher gilt die Polizeistunde ab 21 Uhr. Im Falle, daß sich jemand nicht daran hält, wird er durch die Polizei bestraft. (Photo: Manfred Vollmer. Source: "Fremde Heimat" Aytac Eryilmaz and Mathilde Jamin (Editors), Rhurlandmuseum Essen, 1989. Reproduction: Pola Sieverding)
Ayse Güleç im Gespräch mit Natascha Sadr Haghighian - Ausländergesetz

Anwerbung und Ausländergesetz

In der Geschichte des Asylrechts setzt sich ja auch noch mal die Geschichte des Lagers fort - eine Einrichtung, in der reglementiert ist, wieweit man sie verlassen darf und was man tun darf oder nicht. In diesem Fall eben in der Umkehrung: nicht arbeiten. Und dann gibt es den Aspekt des Fachkräftemangels, welcher ja der Grund war, den Hugenotten in dieser Form Asyl zu gewähren und sie mit offenen Armen zu empfangen: Ingenieure kommt und baut unsere Stadt. Das prägt die Stadt bis heute, denn die Familie Du Ry hat eigentlich alle repräsentativen Bauten in Kassel entworfen und gebaut. Im Vergleich dazu gibt es heute ein eher undurchsichtiges Regelwerk, wann ein Zugezogener, ob Arbeitsmigrant oder Asylbewerber seine Qualiifikation in Deutschland anerkannt bekommen kann.
Bisher mussten Migranten in Deutschland eher eine Abwertung ihrer Berufsqualifikation erleben, das heißt, ihre Ausbildung oder Berufserfahrung spielten keine Rolle und wurden hier nicht anerkannt. Es gab in den 90er Jahren in Deutschland den Versuch, ausländische Arbeitskräfte mit dem Modell einer Greencard anzuwerben. Aber keiner wollte nach Deutschland kommen. Vorher wurde in den Medien das Bild –das Boot ist voll, es darf keiner mehr kommen– propagiert, Und dann lud man wieder ein, also nur die ganz besonders Ausgebildeten und stellte fest, es will gar niemand kommen, denn die Bedingungen waren ja auch so schlecht, die Deutschland angeboten hat. Es werden also immer noch Fachkräfte gesucht, die man aus Inländern nicht besetzen konnte. Das hat dazu geführt, daß die Bundesregierung ein neues Gesetz erlassen hat, zur Anerkennung von im Ausland erworbenenen Berufsabschlüssen. Dieses Gesetz ist seit dem 1.4.2012 in Kraft. Man geht davon aus, dass etwa 300 000 Personen aus Drittstaaten darüber ihre erworbenen Berufs- und Hochschulabschlüsse nachzertifizieren und anerkennen lassen können werden. Dies heißt nicht, daß sie ein Zeugnis von hier bekommen, sondern lediglich eine Anerkennung ihrer Ausbildung an einem anderen Ort.
Das ist ja lediglich eine Nachkorrektur eines Konzeptes, das immer noch und weiterhin auf dem Rotationsprinzip beruht und nicht mit der Frage umgeht, wie man die Menschen hier willkommen heissen möchte. Es gilt das Prinzip: Wir brauchen jetzt sofort diese Arbeitskräfte, die sollen jetzt mal kommen und ihr Know-How mitbringen, aber was dies gesellschaftlich und menschlich bedeutet, da besteht in den Köpfen weiterhin die Schleife, die gehören nicht zu uns und die sollen eigentlich auch gar nicht so lange bleiben. Wenn sie nicht mehr benötigt werden, sollen diese Leute bitte gehen, denn sie sollen ja den Deutschen keine Arbeitsplätze wegnehmen.
Das Ausländergesetz selbst ist ein Instrument, um das Primat der Inländer vor denen, die von Außen kommen, zu schützen. Nichts anderes bedeutet das. Das heißt, das Ausländergesetz ermöglicht die Differenzierung, wer gehört dazu und wer nicht und es werden Gesetze hinzugefügt um die, die da sind, besser verwerten zu können. Diese Verwertungsideologie hat immer wieder etwas mit der Wirtschaftskraft zu tun und da ist Arbeit ein wichtiges Element.
Es scheint schizophren, im großen Stil Leute anzuwerben und gleichzeitig zu sagen, ihr gehört nicht dazu und habt kein Recht etwas zu fordern.
Der Kernpunkt ist, daß, sobald es um eine Staatenbildung geht und um die Frage, was ist die nationale Identität, versucht wird, alles homogen zu machen. Wird Mehrsprachigkeit gefördert oder sollen alle die gleiche Sprache sprechen und wie wird das Recht der Inländer vor den Ausländern geschützt und wann, denn es wird auch manchmal gelockert. Und darin kann man die Verwertungsideologie sehen und auch den Zweckmäßigkeitsgedanken...
...der synchronisert ist mit dem Markt: Bedarf, Produktion und Nutzbarmachung der Resourcen.
Wenn man Zeitzeugen hört, merkt man aber auch, daß es für sie einfach gar nicht die Frage war, wo bin ich hier gelandet. Sie haben gearbeitet und versucht Geld zu verdienen und hatten in ihren zusammengewürfelten Männergruppen auch Spaß miteinander. Es kamen ja zum Beispiel Leute aus der ganzen Türkei zusammen, die sich sonst so auch gar nicht kennengelernt hätten. Es gab übrigens auch eine Zwischennutzung der Lager. Die deutschstämmigen Menschen aus Tschechien und Polen, die nach Ende des Krieges als Minderheiten vertrieben wurden, waren auch dort untergebracht.
Vertreibung ist ja auch ein weiteres Thema, das direkt mit Migration zusammenhängt und wieder zurückführt in den Kriegskreislauf. Ein Ort wie Kassel produziert Waffen. Diese Waffen werden eingesetzt, um politische oder wirtschalftiche Interessen Deutschlands zu verteidigen oder im Export Interessen anderer Länder. Das führt dazu, daß Menschen vertrieben werden, entweder, weil sie auf der Suche nach Arbeit sind, weil sie politisch verfolgt werden oder vor den Auswirkungen des Krieges flüchten. All diese Formen der Vertreibung finden in diesem Moment auf der ganzen Welt statt. Und manche dieser Menschen landen unter Umständen in Kassel und da wären wir dann beim Asylgesetz.
Wir haben ja über die Hugenotten gesprochen und daß damals die Länder so ausgeblutet waren. So eine Situation unterstützt die Logik "der Krieg ernährt den Krieg". Und diese Logik trifft auch auf das Nachkriegskassel zu. Die Stadt wurde so zerstört, weil es die Rüstungsindustrie gab. Das heißt, das besondere an Kassel, die wirtschaftliche Kraft bedingt durch die Kriegsindustrie wurde zum Grund für Zerstörung. Nach dem Krieg wurde aber weiterproduziert und auch heute ist Kassel in der Panzerproduktion der wichtigste Standort. Ab den siebzger Jahren, nach der Ölkrise kamen dann die ersten Flüchtlinge. Das heißt, es gab eine Maschinerie, die dafür sorgte, daß Menschen fliehen mußten, wie zum Beispiel die Kurden aus der Türkei. Die Türkei hat Panzer aus Deutschland gekauft und sie gegen Kurden verwendet und Kurden kamen nach Deutschland und beantragten Asyl. Das gleiche gilt auch für viele andere Regionen, in denen Panzer aus Kassel eine Rolle spielten. Das hängt ganz direkt zusammen.
Ayse Güleç im Gespräch mit Natascha Sadr Haghighian - Kemal Altun, Halit Yozgat

Kemal Altun und Halit Yozgat

Die Asylbewerber haben eine andere Rolle. Wir haben ja vorhin darüber gesprochen, daß nach dem Krieg die Rüstungsindustrie in Kassel weiterproduziert hat. Ab den 70er Jahren begannen dann Asylbewerber, nach Kassel zu kommen. Das war sicherlich nicht gewollt, denn es gab ja schon 1973 den Anwerbestopp. Die Menschen, die Asyl beantragten, flohen vor Militärputschen in verschiedenen Ländern, in denen auch Panzer aus Kassel genutzt wurden. Und es wurde dann überlegt, wie man diese Asylanträge reglementieren oder stoppen kann. Deutschland hatte ja ein ganz besonderes Asylgesetz, die Zierde der Demokratie des Nachkriegsdeutschlands. Es wurde immer weiter verschärft, um dann 1993 abgeschafft zu werden. Inzwischen werden ca 3,9% der Asylanträge tatsächlich anerkannt. Das heißt, es ist unglaublich schwierig, aufgrund von politscher Verfolgung, selbst wenn man Foltererfahrung hat, hier anerkannt zu werden. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Kemal Altun, nach dem in Kassel ein Platz benannt wurde. Es ist der Platz vor dem Schlachthof wo ich arbeite und ich war Teil dieser Initiative für die Benennung dieses Platzes. Kemal Altun kam aus dem kurdischen Teil der Türkei und hat in Deutschland Asyl beantragt. Während seiner Gerichtsverhandlung wurde ihm bewußt, daß er abgeschoben wird und in dieser Situation hat er den Freitod gewählt und ist aus dem Fenster gesprungen.
Es gibt in Kassel noch eine andere Inititative, einen Platz nach Halit Yozgat zu benennen. Halit Yozgat wurde hier in Kassel das neunte Opfer der Morde der Zwickauer Neonazi Gruppierung NSU. Er hatte in der Holländischen Straße ein Internetcafe und ist im April 2006 in seinem Laden erschossen worden. Seine Eltern wollten, daß die Holländische Straße nach ihm benannt wird. Die Umbenennung war formal, aber auch emotional für die Mehrheitsgesellschaft sehr schwierig, so daß nun in einem Kompromiss ein Platz am Hauptfriedhof nach Halit Yozgat benannt wird. Das führe ich auf, weil es auch wichtig ist zu sehen, welche Opfer es gibt in diesen Loops von Geschichtswiederholungen und Kontinuitäten.