Die sogenannten Pioniergehölze

Michael Boßdorf ist der Leiter der staatlichen Gartenanlagen der Museumslandschaft Hessen-Kassel und damit zuständig für den Auehang, an dem sich unser Pfad befindet. Er ist zunächst von einem Trampelpfad am Hang verständlicherweise nicht so begeistert. Wir einigen uns darauf, daß der Pfad nicht als offizieller Weg freigegeben wird und die Besucher den Pfad auf eigene Gefahr betreten. Bei einem Treffen an der «Schönen Aussicht» erzählt er mir bei Regen und Hagelschauer von den Transformationen des Auehangs und den Herausforderungen, Trümmer zum Blühen zu bringen.

Michael Boßdorf im Gespräch mit Natascha Sadr Haghighian, Kassel 2012
Natascha Sadr Haghighian: Herr Boßdorf, wie war das Bepflanzungskonzept für die Bundesgartenschau 1955?
Michael Boßdorf: Der Hang wurde nach dem Krieg mit etwa 2 Millionen m3 Trümmerschutt verfüllt. Als dann feststand, daß die Bundesgartenschau 1955 hier realisiert werden sollte, wurde dieser Steilhang, der mit Trümmerschutt befüllt war, erstmal vorgearbeitet. Das heißt, er wurde zum Park hin weiter ausgezogen und der Hang in seiner Form verändert, flacher gemacht. Im Wesentlichen handelte es sich um Trümmerschutt aus der Altstadt, aus der Innenstadt Kassels mit auch Lehmanteilen, Backstein und Sand. Es war ein großes Problem, wie er bepflanzt werden soll.
Dann wurde überlegt, wie kann man dem Hang eine Festigkeit geben, daß er nicht ins Rutschen gerät, denn dieser Trümmerschutt war ja vor allen Dingen im unteren Bereich mehrere Meter stark in seiner Mächtigkeit.
Können Sie beschreiben, was das Problem ist bei der Bepflanzung?
Dieser Trümmerschutt hat in seiner Mächtigkeit eine immense Drainage-Wirkung. Das heißt, Niederschläge gehen in den Untergrund weg. Die Pflanzen, egal ob Gehölze, also Bäume oder Sträucher, oder auch die sogenannte Krautschicht, Stauden… die hätten das Wasser dann nicht zur Verfügung. Das ist ein großes Problem und auch die Stabilität des Hanges als solches. Somit hat man zunächst überlegt, wie bekommen wir ihn gefestigt und welche Pflanzen, Gehölze vertragen überhaupt diesen Stress. Dann wurden die sogenannten Pioniergehölze gepflanzt. Im unteren Bereich hat man den Hang mit Mutterboden ein wenig verfüllt, denn große Mengen standen nicht zur Verfügung. Das waren wirklich nicht mehr als 30, 40cm. Dieser wurde dann eingesät mit Klee, mit Luzernen und Leguminosen, damit der Hang grün wird und auch eine gewisse Stabilität erhält und das Wasser besser hält.
Die gepflanzten Pioniergehölze waren vor allem Birke, Robinie, Esche, Ahorn, Sträucher wie Liguster und Eibe. Insgesamt wurden am Bereich Rosenhang 140 000 Gehölze gepflanzt. Das waren natürlich zunächst einmal alles recht kleine Gehölze. Sie hatten zur Bundesgartenschau 1955 schon eine gewissen Größe erreicht, waren aber immer noch relativ klein. Im Laufe der Jahre, Jahrzehnte danach, wurde dann auch Einiges herausgenommen. Das war auch ganz dringend notwendig, damit die einzelnen Gehölze eine schöne Entwicklung erleben durften, das heißt, ihren sogenannten Habitus entwickeln konnten und auch eine Struktur des Hanges gegeben wurde. Nichts desto trotz war es ein großes Problem, den Hang immer stabil zu halten und so wurden in den letzten Jahrzehnten immer wieder Befestigungen des Hanges durchgeführt. Da wurden dann Stämme von Bäumen in den Hang hineingelegt und befestigt, daß der Hang nicht ins Rutschen kam. Außerdem hatten wir teilweise ein großes Problem mit Kaninchen, die den Hang auch unterminierten.
Der Hang war ja bei der Konzipierung der Karlsaue als Terrassengarten konzipiert. Stimmt das?
Das stimmt. Und zwar ist damit die Barockzeit gemeint unter Landgraf Karl. Der Bereich, der heute das Ehrenmal ist, war der sogenannte Prinzess-Garten. Ein Terrassengarten, den man heute auch noch so weitestgehend in seiner Originalform wiederfindet. In diesem Terrassengarten, in diesem Prinz-Georg-Garten, befanden sich auch Zitronen, Orangen und Feigen und man hat versucht, dort Wein anzubauen, weil es auch eine sehr exponierte Sonnenlage war. Das ist heute alles nicht mehr vorzufinden, weil es viel zu aufwendig und teuer wäre. Und ansonsten, der sogenannte Rosenhang, also vom Tempelchen, dem sogenannten Frühstückstempel, bis zum Ehrenmal in seiner großen Dimension, war es auch ein relativ steiler Hang vor der BUGA [Bundesgartenschau] 1955 und der war ebenfalls als Terrassengarten angelegt.
Gab es außer den Rosen und exotischen Pflanzen ein Konzept der Bepflanzung des Parkes? Ging es vor allem darum, exotische Pflanzen zu zeigen?
Der Rosengarten wurde in das Gesamtkonzept Bundesgartenschau 1955 integriert. Professor Hermann Mattern, der Landschaftsarchitekt, der damals hier federführend die Planung vollzog, überwachte die Gestaltung und auch die Ausführung. Der Rosenhang wurde in seiner Gesamtheit in diesem Parkbereich der BUGA 1955 integriert.
Im Parkbereich Richtung Kleine Fulda wurde, wie ich meine, eine sehr gelungene Modellierung des Geländes durchgeführt. Die Wegeführung wurde dem angepasst und auch sehr, sehr viel mit Sandstein gearbeitet: Die Einfassung der Wege zum Teil, die Stützmauern im Bereich des sogeannten vorderen Rosenhanges, also heute zwischen dem Ehrenmal und der Documentahalle. Dort wurden viele Stauden gepflanzt und auch sehr, sehr viele Rosen. Insgesamt wurden zur BUGA'55 zwölftausend Rosen gepflanzt, die heute in dieser Menge nicht mehr vorhanden sind, bedingt eben durch die schlechten Bodenverhältnisse, die ich vorhin schon erwähnte: Die Speicherung des Wassers und der Nährstoffe ist nicht gegeben. Eine Rose braucht ja einen wesentlich fetteren Boden, braucht nährstoffhaltigen Boden und das ist hier am Rosenhang leider nicht gegeben. Aber zur BUGA'55 und auch ein paar Jahre danach war das hier eine herrliche Rosenpracht und auch Staudenpracht. Und wir bemühen uns heute, diesen Bereich gerade zwischen Ehrenmal und Documentahalle in seiner ursprünglichen Form so wieder herzustellen mit vielen, vielen Stauden. Auch mit den Rosen, und zwar den historischen Rosen, wie wir sie 1955 hier hatten.
Und das ist auch heute unser Ziel. In dem Bereich des sogenannten hinteren Rosenhanges, also zwischen Ehrenmal und Tempel, bemühen wir uns auch, den Gehölzbestand so zu erhalten wie `55 und zu ergänzen, auf der anderen Seite aber auch den Blick zum Park und in die freie Landschaft zu erhalten oder wiederzugewinnen, indem wir Blickschneisen schaffen und freie Blicke für die Besucher hier oben an der Schönen Aussicht - Bellevue. Denn das ist ja auch eine der alten Prachtstraßen Kassels aus der Barockzeit. Man nutzte ja gerade hier diese Straße Schöne Aussicht gern, um zu flanieren und einen wunderbaren Blick über den Park zur Orangerie und in die Freilandschaft zu haben.
Was haben wir jetzt hier an diesem Hang an Vegetation?
Zur Zeit haben wir verhältnismäßig viel Buchsbaum und Eibe. Dann haben wir Kirschbäume, Ahorn, Linde. An Sträuchern haben wir Liguster und auch etwas Kischlorbeer, dann die wilde Stachelbeere Ribis und auch Lonicera, die Heckenkirsche und in einigen Bereichen die Berberitze. Haselnuss ist auch vorhanden und die eine oder andere Eiche.
Was davon sind noch Pioniergewächse, die Sie vorhin erwähnt haben?
Die meisten gehören zu den Pioniergewächsen, außer Buchsbaum, Kischlorbeer, Haselnuss, und die Kirsche kann man jetzt auch nicht unbedingt als Pioniergehölz bezeichnen, aber ansonsten in dieser Zusammensetzung schon noch vorhanden.