Drei Mann an einer Lore

Eines Tages, als wir bei den Arbeiten am Pfad am Auehang zugange sind, schaut ein älterer Herr über die Mauer und sagt «Wenn ihr etwas findet wie Gold oder so, das gehört mir!» Er lacht. Dann stellt sich heraus, daß der Herr Düsterdieck heißt und 1953 dabei war, als die Trümmer den Auehang hinunter geschüttet wurden.

Herr Düsterdieck im Gespräch mit Natascha Sadr Haghighian, Kassel 2012
Natascha Sadr Haghighian: Woraus besteht dieser Hang?
Herr Düsterdieck: Aus Trümmerschutt. 1943 haben die das hier bombardiert. Und später wurden die Straßen leer geräumt und der Schutt wurde dann hier mit Kipploren abgekippt.
Und woher wissen Sie darüber?
Weil ich zu der Zeit arbeitslos war und da wurde man vom Arbeitsamt verpflichtet; das waren Notstandsarbeiten. Da mußten wir dann arbeiten, sonst kriegte man später kein Stempelgeld. Am Anfang haben wir ein bischen geknurrt, aber nachher, wie das dann so lief, hat's ehrlich gesagt Spaß gemacht.
Wir waren immer mit drei Mann an einer Lore und wenn wir ein Stückchen Draht oder Eisen gesehen haben, wurde es schnell heraus gebuddelt. Es wurde gesammelt und abends ab vier Uhr kamen die Schrotthändler und haben es uns abgekauft. Eigentlich sollten sie erst ab vier Uhr kommen, aber sie standen meist schon Mittags hier, nicht einer, zehn, zwanzig Schrotthändler und haben uns das Metall abgekauft.
Damals gabs ja für Blech schon mehr wie heute für Eisen. Und für Kupfer gab es 6,50 Mark, 7,50 Mark und das war ein Haufen Geld am Tag. Wir sind abends jeder mit 40 bis 50 D-Mark heimgegangen.
Zusätzlich?
 Ja, zusätzlich.
Wann war das ungefähr?
Das war vielleicht 2 Jahre vor der ersten Documenta.
Am Anfang haben wir nur mit Schaufel oder Kreuzhacke gearbeitet und den Schutt direkt runtergeschüttet. Nachher, als es weiter war, haben wir Kipploren bekommen. Es wurden Schienen gelegt, und wir haben die Loren voll geladen und dann immer ein Stückchen weiter gearbeitet und dann runtergekippt.
Wo kamen die Trümmer her?
Hier von Kassel. Das kam alles hier aus der Stadt.
Und das lag von 1943 bis 1953 noch rum?
Ja, da haben sie sich dann überlegt, man macht die Gartenschau hier.
Wieviel Leute waren Sie ungefähr?
Wir waren zwei Firmen. Unsere Firma war von Hamburg und der Polier war von Wolfhammer und unten am Hang war es eine Firma von Halershausen, eine Gärtnerei und [lacht] die durften nichts verkaufen. Die haben gesagt: «Ihr dürft verkaufen und wir nicht…» Deshalb haben die dann sehr langsam gearbeitet. Und wir hier oben haben geschuftet - und warum? Es war ja unser Geld!
Können Sie das noch einmal genauer beschreiben, was war da alles drin in dem Schutt?
Alles! Blech, Eisen, Kupfer, Messing, und auch viel Schmuck hat man gefunden… Und damals gab's noch keine Ankäufer von Gold. Oben an der Freiheit gab's einen Treffpunkt von den Juden, und denen haben wir das verkauft. Da gab's auch Geld und Zigaretten, und so wurden die Zigaretten wieder verkauft und so ging das die ganze Zeit hin und her.
Also neben Stein, Mauerwerk und Ziegeln gab es auch viel Metall im Schutt?
Viel, viel viel. Hier oben an der Ecke der Neuen Galerie, wo wir waren, da haben wir sogar einen Kranz aus Zinn gefunden. Da mussten wir aufpassen, dass sie uns nicht übers Ohr hauen.
Wie lange haben Sie da jeden Tag gearbeitet?
Von morgens früh bis so vier, halb fünf.
Wie lange gingen diese Arbeiten?
Das ging wochenlang. Frühjahr bis Herbst haben wir gearbeitet. Im Herbst, als wir dann soweit fertig waren, kam der Gartenbau mit den Büschen und Bäumen zum Pflanzen.
Da wurde dann Erde draufgeschüttet?
Herr Düsterdieck: Nee. Das war ja alles schöne Erde. Die alten Lehmhäuser hier in Kassel waren ja oft aus Lehm, und es gab auch Mörtel und Sand.
So hundert Mann waren wir hier oben. Unten waren weniger Leute, aber es war ja auch weniger Fläche.
Ja, und Morgens frühs kam ja der Wagen, der Bierwagen und brachte erst einmal 'nen LKW voll Bier. Jeden Tag kam der.
Kurz bevor wir den Pfad anlegen, schickt mir Jasper dieses Bild. Die Bildunterschrift lautet: "Renaturalisierungsarbeiten des Kasseler Trümmerbergs. Bauarbeiten für die Bundesgartenschau am Auehang". Uns wird klar, dass der ganze Hang aus Trümmerschutt besteht. Später finden wir mehr Bilder im Stadtarchiv und treffen Herrn Düsterdieck. Volker Lange bringt uns Schutt von Henschel's Weinberg und Herr Boßdorf erklärt uns, was überhaupt auf Trümmern wächst.
Wissen Sie, wo das hier genau ist?
Das ist hier, die neue Galerie. Und bis hierhin hatten wir gearbeitet.
Luftaufnahme der zerstörten Kasseler Oberneustadt nach Bombenangriffen, ca. 1945
Luftaufnahme der zerstörten Kasseler Oberneustadt nach Bombenangriffen, ca. 1945
Hier nochmal eine andere Ansicht. Man sieht das Ehrenmal und die «Schöne Aussicht». Und man sieht das Ausmaß der Zerstörung.
Ja, die «Schöne Aussicht» hieß ja vorher «Beamtenlaufbahn». Ja, die vom Rathaus haben hier viel gearbeitet früher und dann Pause gemacht und die haben ja immer 2-3 Stunden Pause gemacht.
Jasper Kettner: Ich verstehe das noch nicht ganz. 1943 ist Kassel bombardiert worden. Und die ganze Stadt ist kaputt. Und erst 1953 kommen Sie und holen die Trümmer aus Kassel raus.
Naja, die Bombardierung war 1943 im Oktober, und 1944 hat man mit den Aufräumarbeiten angefangen. Aber sie hatten ja keine Autos. Es ging also langsam voran. In der Stadt hatten sie einen Bagger. Und wir mußten ja von Hand erst mal freimachen und die Gleise legen, damit man mit den Loren reinfahren konnte. Hier unten lagen auch Batterien. Die haben viel Blei und deshalb haben wir ganz schön was rausgeholt. Wir haben alles mitgenommen: Blech… Heute nimmt doch keiner mehr groß Blech.
Jasper Kettner: Wir stehen jetzt hier an dieser Kante, wo die «Schöne Aussicht» dann zum Hang wird. Wo war diese Kante vorher? Wie weit ist das durch die Aufschüttung vergrößert worden?
Herr Düsterdieck: Das lief bis hier gerade hoch. Wie die Mauer hier. Hier war ja nichts, die haben sie dann erst wieder gebaut, die Mauer.
Sadr Haghighian: Haben Sie weit weg von hier gewohnt damals?
Nee, in Bettenhausen. Mit dem Fahrrad sind wir hier raufgefahren. Mit der Straßenbahn hat es ja auch schon wieder 20 Pfennige gekostet von Bettenhausen zum Friederichplatz. Das war viel Geld.