Nur noch die Reste einer Treppenanlage

Volker Lange berät uns mit dem Anlegen des Pfades am Auehang. Er sagt, wir bräuchten zusätzliches Material, damit uns der Hang nicht abrutscht. Er könne uns Material vor den Hang kippen das er sowieso gerade entsorgen muß. Trümmerschutt von der Henschelvilla am nahegelegenen Weinberg.

Volker Lange im Gespräch mit Natascha Sadr Haghighian, Kassel 2012 Herr Lange spricht über die Geschichte vom Weinberg und über die Zusammensetzung des Schutts.
Natascha Sadr Haghighian: Herr Lange, als wir im Herbst anfingen, den Pfad am Auehang anzulegen, benötigten wir zusätzliches Material, um den Hang zu befestigen, weil der Pfad eventuell sonst abgerutscht wäre. Damals stellten Sie uns Trümmerschutt zur Verfügung. Woher stammte dieser Schutt und wie kam es dazu, daß er plötzlich zur Verfügung stand.
Volker Lange: Der Trümmerschutt ist hier vom Weinberg gekommen. Der Weinberg ist ein historischer Ort in Kassel, eine denkmalgeschützte Garten- und Parkanlage mit einer sehr wechselvollen Geschichte. Der Weinberg selbst wurde als Ort im 15. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt, als das Dorf Weingarten. Danach hat man hier sozusagen begonnen, erste Versuche mit dem Weinanbau zu machen.
Und dann wird es immer spannender mit der Geschichte. Es gab dann erste fürstliche Besitztümer. Dann wurden im 17. Jahrhundert die ersten Terrassierungen hier am Südhang vorgenommen und dann kam es zum Verkauf der fürstlichen Besitztümer und es wurden Bürgergärten eingerichtet. Und dann, und das ist eigentlich das, was den Weinberg bis heute noch prägt, dann wurde das Areal von der Familie Henschel aufgekauft.
Das war wann?
Das war so im 19. Jahrhundert. Also um 1900/1902. Um 1905 hat es oben auf dem Weinberg noch zwei Biergärten gegeben. Die waren sehr beliebt bei der Kassel-Bevölkerung. Die wurden aber geschlossen, als die Familie Henschel das gesamte Areal gekauft hat. Und ein wesentliches Merkmal von dem Weinbergareal sind ja diese großen Substruktionsbögen zur Frankfurter Straße hin. Das sind riesige Betonkonstruktionen, sind auch mit die ersten Betonkonstruktionen, die dieser Art hier in Kassel hergestellt worden sind. Die sind auch 1905 entstanden. Und die wurden nötig, um das Areal im oberen Bereich des Henschel-Gartens zu terrassieren und Raum zu schaffen für das Haus Henschel: Den Familienstammsitz.
Das Haus wurde dann eben um 1905/06 gebaut.
Es gibt ja ein Haus Henschel und eine Villa Henschel. Das Haus Henschel wurde abgerissen und die Villa Henschel ist dann zerstört worden im Krieg. Ist das richtig?
Genau. Die Villa Henschel wurde 1945 durch einen Bombenangriff zerstört. Vollständig. Da sind also heute nur noch Reste einer Treppenanlage, die in den Garten führte erkennbar, auch mit einer sehr pompösen Brunnenanlage.
Und das Haus Henschel wurde dann eben von der Familie Henschel selbst abgerissen, angeblich weil die Steuerlast seinerzeit so hoch war und das dann einfach nicht mehr bezahlt werden konnte oder das die Familie Henschel nicht mehr wollte.
Was ist denn nach dem Krieg mit dem Gelände, aber auch mit der Villa Henschel passiert? Blieb das weiter im Besitz der Familie Henschel und wie ist sie damit umgegangen?
Also in den 50er Jahren wurde dann das Gelände im Rahmen der BUGA 1955 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Allerdings betraf das vor allen Dingen den oberen Bereich des sogenannten Henschel-Gartens. Der untere Bereich, der eigentliche Weinberghang, der ist eigentlich in den Dornröschenschlaf gefallen, weil die Erschließung einfach extrem schwierig war. Es gab auch kein Interesse mehr an den Bürgergärten. Die Nutzung schlief ein, das Gelände verwilderte. Es kam Wildaufwuchs hoch, Efeu kletterte in Bäumen hoch und das Gewächshaus, auch einer der ersten Stahlbetonbauten in Kassel, das ist dann auch zunehmend verfallen.
War das dann noch im Besitz der Familie Henschel oder ging das in Stadtbesitz über oder wer trug dann die Verantwortung für den Weinberg?
In den 50er Jahren hat die Stadt das Gelände gekauft. Und dann war sowohl der untere Weinberghang als auch oben der Henschel-Garten im Besitz von der Stadt Kassel.
Und jetzt haben Sie uns diesen Schutt zur Verfügung gestellt, der ja tatsächlich noch Zweiter Weltkrieg-Trümmerschutt der Villa Henschel war...
Ist der Dornröschenschlaf jetzt beendet? Oder wie kam es dazu, daß Sie jetzt diesen Schutt ausräumen?
Also der Dornröschenschlaf endete dadurch, daß das Umwelt- und Gartenamt ungefähr 2005 begonnen hat, das Weinberggelände freizulegen. Man hat damals erkannt, daß das eine sehr, sehr bedeutende Gartendenkmalanlage ist und man wollte einfach nicht mehr dem Verfall zusehen, sondern man wollte vor allen Dingen diese sehr markanten Stützmauern, die Treppenanlagen und die alten Bogenanlagen, die Pergolen, die Rondells, die wollte man ganz einfach wieder sichern und deshalb hat man dann begonnen, vor allen Dingen dann im südlichen Bereich, die Terrassen freizulegen. Und man hat einfach damals den Schutt, den Müll, den Unrat von mehreren Jahrzehnten eigentlich, ersteinmal wieder beiseite räumen müssen. Und das gelang vor allen Dingen durch eine Arbeitsloseninitiative, die einfach sehr viel Handarbeit auf diesen sehr schwer zu erschließenden Terassen, dieses ganze Material einfach bewegt hat.
Und dadurch ist natürlich sehr viel altes, authentisches Baumaterial wieder aufgetaucht, das wir dann wiederverwendet haben zum Bau von Treppen und Mauern. Aber es ist natürlich auch Schutt angefallen, mit dem wir einfach nichts mehr anfangen konnten.
Das heißt, Sie haben auch teilweise die Trümmer wieder verwendet, für die Rekonstruktion?
Genau. Wir haben die Trümmer wiederverwendet. Sandsteinblockstufen verwendet, Sandsteine in Mauern eingefügt, die Abdeckungen von Sandsteinmauern wieder hergestellt… Also alles das, was in irgendeiner Art und Weise verwendet werden konnte, wurde auch verwedet. Und man kann sagen, das ist in gewisser Weise auch eine Tradition von dem Ort, weil man findet hier Materialien von ganz unterschiedlichen Epochen. Das hängt einfach auch damit zusammen, Baumaterial war früher ja auch sehr teuer, war etwas Wertvolles und aufgrund von der schwierigen Topographie hat man natürlich immer wieder das verwendet, was man vorgefunden hat. Und das macht den Ort einfach auch so spannend. Die Durchmischung der unterschiedlichen Epochen finden sich auch im Material wieder.
Ich habe mit einem der Arbeiter gesprochen, der den Trümmerberg am Auehang damals mit aufschüttete, 1953. Und er erzählte, dass sie alle wertvollen Materialien aus den Trümmern raussuchten und direkt an die Schrotthändler, die schon warteten, verkauften und dadurch zusätzlich Geld verdienten. Die Trümmer hier am Weinberg haben ja quasi geruht im Gegensatz zu anderen Orten in der Stadt. Haben Sie hier auch bemerkenswerte Dinge gefunden? Kann man beschreiben, welche Art von Material oder  Trümmer das war?
Es war sehr viel Metall, Stahl… einfach geprägt durch die Familie Henschel.
Stahl war damals ein beliebter Baustoff. Und wir haben hier zum Beispiel sehr viel Beeteinfassung gefunden. Das wurde damals mit so Bandstahl gemacht, mit Bandeisen, sowie das heute eigentlich auch wieder modern ist. Und die haben wir eben auch noch am Originalort teilweise gefunden und haben eben auch an dieser Stelle wieder neue Stahleinfassungen gesetzt.
Es waren aber auch sehr viele Leitungen, Stahlrohre, Wasserleitungen; es waren Verankerungen für die Kletterpflanzen an den Stützmauern; es waren Geländerteile..
Viele authentische Geländer sind ja noch da am Ort. Wir haben uns jetzt auch entschieden, daß wir die auch nicht alle, ich sag mal, schick machen wollen… wieder restaurieren wollen, sondern viele sollen einfach auch genauso rostig, wie sie sich jetzt auch darstellen, an Ort und Stelle verbleiben, damit einfach der Ort diese Authentizität nicht verliert.
Können Sie das kurz beschreiben, welche Art von Trümmern dann an den Auehang gewandert sind… welche wir bekommen haben… was war das für Material?
Das waren ganz viele Backsteine. Es waren aber auch Pflastersteine, Sandstein, Basaltpflaster. Es war teilweise Kalk-Mergel-Schutt. Also der Weinberg ist ja eigentlich ein Kalkberg und Kalkgestein tritt ja auch an einigen Stellen offen zutage. Und dann waren es eben auch teilweise, ich sag mal, Natursteine, die als Gestaltungssteine hierher gebracht worden sind von der Familie Henschel, die finden wir noch an verschiedenen Stellen. Das sind Steine mit so großen Löchern und Ausbuchtungen drin.

Lag das Material, diese Trümmer einfach offen in der Landschaft herum? Ich habe teilweise so Senken gefunden, fast wie Gräben, die voll waren mit Schutt.

Also durch die ganz unterschiedlichen Bautätigkeiten hier ist natürlich immer wieder Material durcheinander gewirbelt worden. Vor allen Dingen auch in den 80er Jahren durch den Bau der Hochstrasse. Da sind ja dann auch sozusagen Schuttmassen den Hang runtergekippt worden. Und die haben sich dann einfach vermischt mit Wegen, mit Zäunen oder mit alten Natursteinmauern. Und dadurch ist das Material von ganz unterschiedlicher Herkunft. Also wir haben das immer wieder versucht zu bergen, also alles das, was verwendet werden konnte, wurde dann von den Leuten sortiert: Pflastersteine zu Pflastersteinen und Mauersteine zu Mauersteinen, so daß man so viel wie möglich hier vor Ort wiederverwenden konnte.
Und das Material, das wir sozusagen zum Auehang gebracht haben, stammt vor allen Dingen aus dem oberen Bereich des Weinbergs. D.h. es liegt schon ziemlich nah, daß es auch viele Materialien sind von der ursprünglichen Henschel-Villa, die im Krieg zerstört wurde.