Jans Löffel

Ein Brief von Avery Gordon

Liebe Natascha und Pola,

Ich hoffe mein Brief erreicht Euch beide wohlbehalten. Hier im Archiv haben wir alle Hände voll zu tun, wie immer wenn sich Krieg, Leid und Korruption verdichten und die Menschen es nicht mehr aushalten oder dagegenhalten können und stattdessen weglaufen. Die Proteste und Streiks gegen die Kriegstreiberei im Osten und Austerity und hartes Durchgreifen an den Grenzen im Norden haben viele provoziert, sich aufzumachen und sie landen oft vor unserer Tür, besonders wenn es gegen die feigen Bankiers geht. Einige dieser Leute dürftet ihr kennen, aber es gibt andere, für die Rebellion und die Kunst des Nicht-Regiert-Werdens Neuland sind und sie kommen von überall.

Jedenfalls hatte ich jetzt Gelegenheit in unseren alten Aufzeichnungen über die Deserteure des sogenannten Zweiten Weltkriegs nachzusehn (obwohl ich nicht verstehe, warum er so genannt wird, da Europa tatsächlich seit hunderten, wenn nicht tausenden von Jahren mit sich selbst und mehr oder weniger dem Rest der Welt im Kriegszustand befand, aber das ist ein anderes Thema). Die Information ist spärlich, aber hier ist, was ich berichten kann.

Das Fragment eines Metalllöffels, den Ihr im Trümmerschutt des Henschelgrundstücks gefunden habt, als Ihr den Pfad anlegtet, gleicht Jan van Vlies's Löffel. Ich hänge ein Foto des Löffels an. Ihr könnt sehen, daß er seine Inititalen "JvJ" in den Löffel gebohrt hat, eine schlaue Methode, mit der die Gefangenen ihre Werkzeuge kennzeichneten, um Diebstahl vorzubeugen, aber auch um die festen Bestandteile in der schrecklich dünnen Suppe herauszufischen, die in allen Arbeitslagern serviert wurde, besonders in Breitenau, wo Jan's Löffel gefunden wurde.

Jan van der Vlies war ein holländischer Arbeiter, der von den Nationalsozialisten gefangen genommen und als Arbeitssklave nach Kassel geschickt wurde. Mir ist nicht bekannt, wann genau er in der Stadt eintraf und was genau die ihm zugewiesene Arbeit war. (Wenn diese Information für euch von Bedeutung ist, weiß ich jemanden, der eventuell Bescheid weiß und den ich fragen könnte.) Es wird geschätzt, daß es in Kassel mehr als 25.000 Fremdarbeiter gab. Es ist ein wenig unübersichtlich, denn die Behörden unterschieden in "Zwangs-" "Fremd-" und "Gastarbeiter", aber soweit wir wissen, waren sie alle unfrei und effektiv Kriegsgefangene, ungeachtet der Tatsache, daß manche als Soldaten und andere als Arbeiter gefangen genommen wurden. Diese Kriegsgefangenen wurden von der Stadt, von großen und kleineren Betrieben, von Bauern und individuellen Haushalten eingesetzt, für alle Arten von Arbeiten, einschließlich Dienstleistungen im Haushalt, Backen, Nähen von Uniformen, Fensterreparatur, Nahrungsmittelproduktion, Waffen- und Panzerproduktion, Straßenbau und die Instandhaltung aller Gefängnisse und Lager in denen sie zwangsweise untergebracht waren und von denen es mehr als zweihundert gab. Mehr oder weniger waren die gesamte Kriegsmaschine und die Kriegsgemeinschaft abhängig von der Arbeit all dieser Gefangenen.

Offensichtlich (und das wisst Ihr bereits) war die Arbeit hart und schonungslos und besonders in den Henschel-Rüstungsbetrieben wurden die Arbeiter unter zweifacher tödlicher Bedrohung gezwungen, Waffen zu produzieren. Zum einen wurden sie bei Arbeitsverweigerung von den nationalsozialistischen Bewachern mit dem Tod bedroht und zudem ließ man sie verhungern (erinnert Ihr euch, was mit den Italienern 1945 zu Kriegsende passierte?), zum anderen waren sie sozusagen durch ihre Befreier bedroht, da die Alliierten Kassel ohne Unterbrechung bombardierten und alle Orte, an denen Waffen produziert wurden. Es hätte sicher auch, wenn die Bedingungen nicht ganz so tödlich gewesen wären, eine Menge Sabotage, offene und verdeckte Arbeitsverweigerung, Auflehnung und Flucht gegeben. Scheinbar war es nicht einfach, dieses Unternehmen zu kontrollieren und verwalten, und obwohl sie die Arbeiter/Gefangenen in Nationalitäten und "Rassen" trennten, um sie davon abzuhalten, sich zu organisieren und zusammenzuschließen (eine klassische Gefängnismethode des 'Spaltens und Eroberns'), konnten sie das Aufkommen von deutlichem Widerstand nicht verhindern.

Wir wissen, daß es Widerstand unter der großen Zahl desertierender deutscher Soldaten gab, die, oft vor ihrer Flucht, bewusst wegschauten, wenn stibitzt wurde oder bei versteckten Waffen oder die sogar Zivilisten halfen, aus der Gefangenschaft zu enkommen oder zumindest es nicht verhinderten. Noch direkter relevant für euren Henschel-Trümmerschutt waren die Straflager, die von Henschel & Sohn selbst errichtet wurden, besonders das berüchtigte Möncheberg-Lager mit seinen Isolationszellen und den ansteigenden Bestrafungsniveaus. Und natürlich die Tatsache, daß 655 Männer von Kassel in das Arbeitserziehungslager nach Breitenau überführt wurden, das 1940 öffnete und dem bereits seit einem Jahrhundert existierenden Arbeitshaus angegliedert wurde. Breitenau war der Ort, an den die Kassler Gestapo in den frühen 1930iger Jahren seine politischen Gefangenen –die Sozialisten und Kommunisten– überführte, wenn sie die eigenen Gefängnisse bereits gefüllt hatten. Es war sicher der Ort, an den die Widerständigsten geschickt wurden als Warnung an alle Anderen, einschließlich der aufrechten deutschen Bewohner Kassels. (Die Menschen hatten noch im Gedächtnis, was mit Pappenheim passierte.) Und sie deportierten von Breitenau in die großen Vernichtungslager und das wusste auch jeder. Von den 655 Arbeitern, die von Kassel nach Breitenau übersandt wurden, sind nur 404 Einträge erhalten und diese zeigen, daß der große Anteil von Henschel kam. (Scheinbar gab es auch unter den Bäckern bemerkenswerten organisierten und individuellen Widerstand, was interessant ist, da sie ja auch während der Pariser Kommune sehr aktiv waren).

Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Jan für Henschel arbeitete, aber wir können davon ausgehen, daß er mit dem Kontingent 200 holländischer Arbeiter nach Breitenau überführt wurde, von denen einige später der Polizei übergeben wurden, weil sie nicht ausreichend auf das "erzieherische" Arbeitsprogramm des Gefängnisses ansprachen, das auch Essensentzug und Schläge beinhaltete. Die holländischen Arbeiter waren als Widerständige und Organisatoren in den Kriegsgefangenenlagern besonders aktiv und ich habe gehört, daß die Stadt Kassel spezielle Akten zum Zwecke der Überwachung und Betrafung über sie führte. Deshalb wissen wir nicht, was mit Jan passierte, aber die Erinnerung an ihn ist uns ein Anliegen. Ich habe ein etwas unscharfes Foto, auf dem Gefangene von Henschel in einer Reihe um Essen anstehen, Schüsseln und Löffel in der Hand haltend. Zwei Männer in dem Foto haben die Reihe verlassen und gehen auf den Betrachter zulaufend aus dem Bild. Einer der Männer hat seinen Kopf verhüllt und ist schwer zu erkennen. Ich stelle mir vor, daß dies Jan sein könnte, am Beginn seiner Flucht. Unterwegs lässt er den Löffel fallen, unterwegs woanders hin, wo es sicherer und friedlicher ist.

Wem euer Löffel gehörte und was mit Jan passierte, weiß ich leider nicht zu sagen. Vielleicht nehmen ja die zugewandten Reisenden ihre Fragen mit, wenn sie den Windungen und Abzweigungen eures Pfades folgen, und finden so einige der Spuren, Geschichten, Erinnerungen, verstreute Briefe, Klänge und Träume, die sich zu einer Archäologie der Erkenntnisse um diesen Pfad formen.

Seid wie immer umarmt vom Hawthorne Archiv. Meine herzlichsten Grüße wie immer.

Avery

April 2012

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